Karrierefaktor 18. Dezember 2013

5 Fragen an: Dr. Ilona Bürgel

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Montagmorgen. Sie haben bestens geschlafen, weil Sie sich auf eine neue Woche voller interessanter Begegnungen freuen. Egal wie die allgemeine Wirtschaftslage gerade ist, Sie sind entspannt, denn Ihre Kunden schätzen Ihre Mitarbeiter. Ihre Assistentin kommt Ihnen lächelnd entgegen und berichtet von den ersten guten Nachrichten des Tages. Ihre Vertriebsmannschaft ist nicht nur anwesend, sondern gesund und fit. Sie beginnen das Teammeeting mit der Auswertung der Erfolge der letzten Woche. Gefällt Ihnen diese Vision? Falls nicht, sollten Sie besser umdenken. Denn der Erfolg Ihres Unternehmens wird schon heute nicht mehr durch Technologievorsprung oder Pünktlichkeit entschieden – sondern durch das, was sich in den Köpfen und Herzen Ihrer Mitarbeiter abspielt, kurzum, wie wohl sie sich fühlen. Die Vorreiterin des Themas Wirtschaftsfaktor Wohlbefinden ist die Psychologin Ilona Bürgel. Wir wollten es genauer wissen:

1. Wo sehen Sie den Zusammenhang zwischen Glück und Arbeit?

Arbeit und Glück schließen sich in unserer Kultur scheinbar oft aus. Besonders dann, wenn wir schon länger im Job sind. Wir haben von klein auf gelernt, dass Arbeit mit Anstrengung und Überwindung verbunden ist und teilen unser Leben so gern auf in Arbeit = Mühe = hoffentlich bald vorbei und Freizeit = Freude = hoffentlich bald da. Vorbilder für dieses Lebensmodell gibt es reichlich, egal ob in der Familie, im Freundeskreis oder den Medien.
Mögen Sie das, was Sie jeden Tag tun? Nur 20% der Menschen beantworten diese Frage laut GALLUP Studien mit „ja“. Zweidrittel der arbeitenden Erwachsenen warten täglich auf den Feierabend. Das heißt, die meisten Menschen verbringen ihre Lebenszeit mit etwas, was ihnen nicht gefällt.
Auf der anderen Seite würden 58% der Manager auch mit einer mittelschweren Erkältung zur Arbeit gehen ergab eine Umfrage der Personalberater LAB & Company unter Managern (manager Seminare Heft 179 Februar 2013). Nur 9% würden zuhause bleiben und sich auskurieren. 18% heißen es gut, wenn Kranke ins Büro kommen. Das Ergebnis: Präsentismus. 21% der Mitarbeiter geben im Stressreport 2012 an, bei Krankheit immer arbeiten gegangen zu sein, 36% bleiben mal zu Hause oder gingen mal arbeiten. Im Durchschnitt waren Mitarbeiter 11,5 Tage krank am Arbeitsplatz. Nennen Sie das Engagement? Kranke Mitarbeiter stecken nicht nur mit Bakterien sondern auch mit negativen Gefühlen an. Und letztere werden Sie viel schwerer wieder los.
Beiden Seiten haben gemeinsam, dass es eine relativ klare Haltung gibt, dass Wohlbefinden etwas für die Freizeit ist und nichts mit Arbeit zu tun hat. Kein Wunder, dass immer weniger Menschen gern arbeiten gehen.
Hier sollten wir dringend umdenken, denn das Wohlbefinden bei der Arbeit hat einen doppelt so großen Einfluss auf unser Gesamtwohlbefinden wie Gesundheit, finanzielle Wohltand oder soziales Wohlbefinden.

2. Wie wichtig ist Erfüllung im Job?

Der Einsatz von Stärken ist der Schlüssel für Zufriedenheit und Erfolg. Wenn  wir unsere Stärken einsetzen können sind wir motivierter, produktiver und seltener krank. Meist wissen wir jedoch gar nicht, was das ist, weil wir in einer Defizitgesellschaft aufwachsen. Wir sind nie gut genug und werden auf Fehler viel mehr aufmerksam gemacht als auf Talente. Wenn Sie sich selbst testen wollen können Sie dies hier tun: www,gallupstrengthcenter.com. Eine andere Variante sind die Charakterstärken nach Martin Seligmann.

Außerdem wissen wir aus einer Metaanalyse von Sonja Lyubomirsky, dass das Wohlbefinden die Produktivität  besser als die Freude an der Arbeit voraussagt. Geht es uns gut, überstehen wir also schwierige Zeiten bei der Arbeit deutlich besser als wenn wir unseren Traumjob haben, es uns aber nicht gut geht. Aus der Glücksforschung ist bekannt, dass Erfolg viel leichter als Nebenprodukt des Tuns einer glücklichen Person entsteht, als wenn wir uns dafür anstrengen und meistens ja überanstrengen.

3. Welche Folgen haben Unzufriedenheit und Stress im Beruf auf die eigene Person?

Stress ist eine Frage der Bewertung. Wettbewerb, Zeitdruck, Leistung, Pflichten, Erwartungen: Stress an sich ist kein Problem. Negativer Stress entsteht erst durch unsere Bewertung einer Situation als unangenehm, unbewältigbar, Angst einflößend. Dann konzentrieren wir uns auf die Probleme statt auf Lösungen und finden diese auch gar nicht, weil der so genannte Tunnelblick eintritt.
Unsere Kultur der Selbstausbeutung ist nicht auf die Arbeit beschränkt, sondern findet genau so im Privatleben statt. Wir leben in einer Welt, in der keiner den ständig wachsenden Ansprüchen mehr gerecht werden kann. Weil es zu viele und zu hohe in allen Lebensbereichen gleichzeitig sind.
Wir müssen aufpassen, dass wir die „Schuld“ nicht immer den Unternehmen in die Schuhe schieben. Wir sind alle Teil des Systems. Wir haben uns eine Art Parallelewelt erschaffen, von der wir glauben, sie ist real. Sie findet aber nur in unseren Köpfen statt, wo wir mit unseren Gedanken ständig im gestern oder morgen sind, uns mit Problemen befassen die vorbei oder noch nicht da sind und so leeren wir langsam aber sicher unsere Batterien. Und nicht nur unsere. Denn: Gefühle sind ansteckend .Arnold B. Bakker widmet sich an der Erasmus Universität Rotterdam diesem Thema. Er stellte fest, dass es Lebenspartnern selbst bei großer Anstrengung nicht gelingt, ihre Gefühle und Probleme bezüglich der Arbeit von zu Hause fern zu halten. Partner ziehen sich so gegenseitig runter aber auch Teams beeinflussen sich. Das Burnout-Niveau von Teams korreliert mit den individuellen Burnout-Niveaus.

4. Wie können Führungskräfte gestressten Mitarbeitern helfen?

Nehmen Sie neue Perspektiven ein. Z.B. Wenn ca. jeder Zehnte über chronischen Stress klagt, heißt das auch, dass neun von zehn keinen chronischen Stress haben.
Vermitteln und erwerben Sie Wissen über Stress und Burnout, aber legen Sie darauf nicht den Fokus. Die neue Gehirnforschung zeigt: je häufiger wir etwas wiederholen, umso stärker werden die neuronalen Verknüpfungen im Gehirn. Also raus aus der Problem- hin zu Lösungsorientierung. Schauen Sie hin statt weg bei Anzeichen von Burnout wie Erschöpfung, Zynismus, abwertender Kommunikation und Ineffizienz. Reagieren Sie lieber einmal zu früh als einmal zu spät.

Erfreulicherweise können wir uns auch mit guten Gefühlen wie Energie und Enthusiasmus anstecken. Legen Sie ein Recht auf gute Stimmung fest und fördern Sie die Mitarbeiter, die gut drauf sind. Wir wissen heute, dass dies viel größere Effekte auf das Team hat als sich um alle gleich zu kümmern.

5. Wie können Arbeitnehmer selbst reagieren wenn sie merken, dass ihr Stresslevel immer höher wird?

Betreiben Sie Gedankenhygiene so wie Sie ja auch regelmäßig Ihre Zähne putzen. Yoga, Meditation, Achtsamkeitsübungen helfen dem Geist, sich zu beruhigen. Stress entsteht im Kopf. Sorgen Sie selbst für eine gute Stimmung indem Sie sich von schlechten Nachrichten in den Medien fern halten. Stoppen Sie Klatsch und Tratsch. Und ganz besonders wichtig: Schaffen Sie nach der Arbeit Abstand. Sorgen Sie dafür, dass Sie in einem guten Zustand nach Hause kommen. Meist verbrauchen wir alle Kraft bei der Arbeit und verhalten uns dann so, wie wir es Kunden oder Kollegen gegenüber nie tun würden.
Jeder sollte nach der Arbeit zunächst einmal allein Stress abbaut. Zum Beispiel durch Sport oder zumindest einen kleinen Weg zu Fuß, denn der Körper baut das Stresshormon Cortisol durch Bewegung ab. Führen Sie Rituale ein. Nutzen Sie Musik und Entspannungs-CDs auf dem Heimweg oder schreiben Sie sich den Frust von der Seele.
Wenn Sie Enttäuschungen oder Verletzungen nicht vergessen können hilft die Schreibtechnik nach Pennebaker. Schreiben Sie an vier aufeinander folgenden Tagen je 20 Minuten( Wecker stellen) was genau geschehen ist und welche Gefühle das in Ihnen ausgelöst hat. Beschreiben Sie schlimmes, peinliches und schmerzvolles. So kommt es in den Verarbeitungsmodus des Gehirns.

Keine Ausreden mehr – Praxistipps für mehr Wohlbefinden bei der Arbeit:

  •  Bonus: Leben ist wie Schokolade essen, voller Möglichkeiten, Freude und Genuss.
    Machen Sie das Beste aus dem, was ist. Fokussieren Sie sich auf positive Emotionen für kreatives und lösungsorientiertes Denken.
  • Die Formel für langfristig erfolgreiche und gesunde Teams 3:1
    Die positive Psychologie geht davon aus, dass Glück wesentlich von dem Verhältnis der Summe der positiven Gefühle abhängt. Als günstig gilt der Quotient von drei zu eins. Das heißt: auf jedes schlecht Gefühl sollten mindestens drei gute kommen. Diese Quote kann man erheblich verbessern, indem man lernt mehr auf die guten Dinge im Leben zu achten. Beginnen Sie Meetings mit positiven Informationen, ermutigen Sie Mitarbeiter, nach positivem Feedback zu fragen. Lächeln und Lachen Sie mehr. Loben Sie Menschen zum Erfolg.
  • Erwarten Sie das Beste
    Eine optimistische Grundhaltung führt dazu, dass wir uns anders verhalten und deshalb das eher erleben, was wir uns wünschen. Raus aus den Sorgen, rein in die Vorfreude.
  • Denken Sie täglich eine Minute darüber nach, was Sie dafür tun können, dass es Ihnen gut geht.
  • Ärgern Sie sich maximal drei Minuten.
    Sie bestimmen, wofür Sie Ihren Kopf und Ihr Herz hergeben. Sagen Sie „Stopp“ und wenden Sie sich dann gedanklich sinnvolleren Dingen zu. Nehmen Sie eine Uhr zu Hilfe.
  • Bestimmen Sie Anfang und Ende
    für Meetings, Gespräche usw., und halten Sie sich daran. Effizienz und Zufriedenheit werden sofort steigen.
  • Machen Sie Handy-Sabbaticals
    Schaffen Sie Zeiten der Unerreichbarkeit. In Meetings, beim Abendessen und einfach so. Ihre Konzentration dankt es Ihnen.
  • Schreiben Sie abends täglich drei Dinge auf, für die Sie dankbar sind.
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