Karrierefaktor 11. Juli 2016

F├╝nf Fragen an Dr. Kai Flehmig-Pichlmaier


Dr. Kai Flehmig-Pichlmaier ist Vorsitzender des Vorstands des Deutschen Gr├╝nderverbands.

Ziel des Deutschen Gr├╝nderverbands ist es, das Gr├╝ndungsgeschehen zu f├Ârdern, indem er den Gr├╝ndungsprozess deutlich vereinfacht. Dazu analysiert der Verband die Einflussfaktoren und Rahmenbedingungen, die die Gr├╝ndungsbereitschaft blockieren oder die Begeisterung wecken und entwickelt unterst├╝tzende Initiativen wie den smartgr├╝nden-Prozess sowie die Initiative ÔÇ×Gr├╝nden mit FreundenÔÇť.

Daneben hat sich der Verband das Ziel gesetzt, nicht nur die Neugr├╝ndungen zu unterst├╝tzen, sondern auch die Zahl der ├ťbernahmegr├╝ndungen nachhaltig zu steigern, damit das Thema Nachfolge in den n├Ąchsten Jahren nicht zu zahllosen Gesch├Ąftsaufgaben f├╝hrt.

 

1. Frage:
In Ihrem k├╝rzlich ver├Âffentlichten Statement fordern Sie ÔÇ×Schluss mit den Alibi-BehauptungenÔÇť. Sie beziehen sich dabei auf die aktuellen Statistiken zum Gr├╝ndungsgeschehen in Deutschland. Was meinen Sie damit?

Antwort:
Man sch├Ątzt, dass jedes Jahr fast 2 Millionen Deutsche sich mit dem Gedanken tragen, sich mit einer eigenen Gesch├Ąftsidee selbstst├Ąndig zu machen. Unbestreitbar gibt es jedoch eine gro├če L├╝cke zwischen der Anzahl der Gr├╝ndungsinteressierten und der Anzahl umgesetzter Gesch├Ąftskonzepte. Und diese L├╝cke wird jedes Jahr gr├Â├čer: ÔÇ×Gr├╝ndungsgeschehen auf neuem TiefstandÔÇť titelt aktuell die Presse.

Teilweise ist daf├╝r sicherlich die Situation auf dem Arbeitsmarkt verantwortlich. Einige Gr├╝nder m├Âgen die Komfortstellung als Angestellter der Rolle eines Unternehmers vorziehen. Der Push-Faktor, der Druck zur Selbstst├Ąndigkeit sei zu niedrig, weil der Arbeitsmarkt so gut ist, argumentieren Politiker, IHKs und ├Ąhnliche Institutionen. Aber hier macht man sich die Sache zu leicht.

In der Ursachenbeschreibung wird der Pull-Faktor unterschlagen. Darunter versteht man die die Faktoren, die eine Art Sogwirkung im Hinblick auf die Selbstst├Ąndigkeit entfalten, wie z.B. das Streben nach Selbstverwirklichung und Unabh├Ąngigkeit, die Wahrnehmung von Gesch├Ąftsm├Âglichkeiten oder die Zuversicht, das entwickelte Gesch├Ąftskonzept auch umsetzen zu k├Ânnen.

Die Politik versichert permanent, dass es unz├Ąhlige F├Ârderprodukte mit stets steigendem Kreditvolumen gibt. Mit gro├čer medialer Aufmerksamkeit wird der Fokus auf Startups gelegt. Zudem verspricht man sich von einem Gr├╝nderportal 4.0 oder von Kampagnen, wie ÔÇ×Frauen unternehmenÔÇť nachhaltige Impulse. Gleichsam beschreiben die IHKs ihre Vision von einem ÔÇ×One stop shopÔÇť-Angebot, obwohl die Teilnehmerzahlen f├╝r Informations- und Beratungsangebote der IHKs j├Ąhrlich sinken. Wenn man nun in Berlin die Zielgruppe der Fl├╝chtlinge ausgemacht hat, die Gr├╝nderzahlen zu steigern, dann zeigt dies nur zu deutlich, welche Ratlosigkeit herrscht.

2. Frage
Die Politik in Berlin, die EU, die F├Ârderbanken haben in den letzten Monaten einige neue F├Ârderprogramme aufgesetzt bzw. erweitert. Wieso reichen diese Ma├čnahmen als Pull-Faktor nicht?

Antwort:
Startups, Innovationen f├╝r die Digitalisierung der Industrie ÔÇô Stichwort Industrie 4.0 ÔÇô sind wichtig f├╝r den Standort Deutschland. Deshalb unterst├╝tzen wir die F├Ârderungen f├╝r diese Gr├╝ndergruppe ausdr├╝cklich. Allein ÔÇô nur sieben Prozent aller Neugr├╝ndungen kommen mit einer ├╝berregionalen Neuheit auf den Markt.

Seit Jahren erkennen wir einen Strukturwandel in Richtung Dienstleistungssektor, der mit einer Verschiebung zugunsten kleinerer Betriebe verbunden ist. Diese neuen Formen der Erwerbst├Ątigkeit k├Ânnen mit gro├čer Flexibilit├Ąt auf Marktchancen reagieren. Zudem w├Ąchst mit der Wissensgesellschaft der Anteil der T├Ątigkeiten, der im Sammeln, Verarbeiten und Weitergeben von Informationen besteht, signifikant. Auch hier ist ein Trend zu Auslagerungen und atypischen Besch├Ąftigungsformen festzustellen. Das Internet hat sich zu einer der st├Ąrksten Wachstumsbranchen entwickelt. Dennoch hat sich aus diesen Trends keine neue Gr├╝nderstimmung entwickelt.

Denn die Hemmnisse in der Gr├╝nderszene liegen auf der Hand. So haben Banken nach wie vor wenig Interesse an der Vergabe von Gr├╝ndungskrediten, weil die Marge niedrig und der Bearbeitungsaufwand wie auch das Risiko hoch sind. Zus├Ątzlich basieren die Vorgaben f├╝r F├Ârderkredite gr├Â├čtenteils immer noch auf einem realitit├Ątsfremden Verh├Ąltnis von Investitionen zu Betriebsmitteln von 70:30. Dies w├Ąre f├╝r Gr├╝ndungen im produzierenden Gewerbe noch akzeptabel, doch Gr├╝ndungen in diesem Bereich machen gerade 15% aller Gr├╝ndungen aus. Dienstleister dominieren, und diese haben prim├Ąr Personal- und Raumkosten zu schultern ÔÇô das sind keine Investitionen.

Umfangreiche Zuschussprogramme f├╝r Berater haben die Anzahl der Berater zwar erh├Âht, aber leider nicht die Qualit├Ąt der Businesspl├Ąne. Und was n├╝tzt eine Bezuschussung der Berater, wenn der Businessplan allerorts abgelehnt wird? Nach wir vor dauert eine Gr├╝ndung durchschnittlich ├╝ber sechs Monate, weil Anforderungen und Prozessabl├Ąufe nicht standardisiert sind und kaum Automatismen greifen.

Mit anderen Worten: An den organisatorischen Rahmenbedingungen f├╝r klassische Existenzgr├╝nder hat sich in den letzten Jahren kaum etwas ge├Ąndert. Das ist der wesentliche Grund daf├╝r, dass die Gr├╝ndungszahlen dramatisch gesunken sind.

3. Frage:
Welche Ma├čnahmen schl├Ągt der Deutsche Gr├╝nderverband vor, um das Gr├╝ndungsgeschehen positiv zu beeinflussen?

Antwort:
Wenn es nicht gelingt, den Gr├╝ndungsprozess nachhaltig effizienter zu gestalten, dem Gr├╝nder Planungssicherheit zu bieten und das Interesse der Banken an der Finanzierung des jungen Mittelstandes wieder zu wecken, werden die Zahlen weiter sinken.

Prozesseffizienz kann im kleinteiligen, aber komplexen Gr├╝ndungsprozess nur ├╝ber Automatisierung und Standardisierung erfolgen. Wo heute noch viele manuelle Teilprozesse erkennbar sind, resultiert aus einer Automatisierung dieser Teilprozesse ÔÇô verbunden mit begleitenden automatisierten Teilprozessen, die die Einhaltung des Prozessablaufs gew├Ąhrleisten ÔÇô eine Prozesseffizienz, die sowohl die Gr├╝ndungsdauer um mehr als die H├Ąlfte verk├╝rzt. Zudem versetzt sie auch Banken in die Lage, nachhaltige Kostensenkungspotenziale zu realisieren.

Der Deutsche Gr├╝nderverband hat deshalb unter Nutzung der Vorteile aus Automatisierung, Standardisierung und Digitalisierung die Initiative smartgr├╝nden ins Leben gerufen. Das Motto: Schneller. Besser. Digital.

Schneller, weil der Gr├╝nder ohne lange Suche einen erfahrenen Berater aus unserem Netzwerk aussuchen kann, der ihn nicht nur ber├Ąt, sondern auch nach der Gr├╝ndung begleitet. Schneller, weil bereits strategische Partnerschaften zu Versicherern, Finanzdienstleistern oder Leasinggebern bestehen. Die wochenlange Suche nach dem richtigen Versicherer, der kreditbereiten Bank entf├Ąllt.

Besser, weil die Idee des Gr├╝nders ├╝ber ein konzeptkreatives System mit dem Berater entwickelt wird und durch ein eigens entwickeltes Rating, alle qualitativen und quantitativen Erfolgsfaktoren bewertet werden.

Digital, weil alle Informations- und Kommunikationsbed├╝rfnisse ortsunabh├Ąngig und ger├Ąteneutral ├╝ber eine Web-Plattform bedient werden.

F├╝r Gr├╝nder bietet der smartgr├╝nden-Prozess einen Full Service mit hoher Planungssicherheit. F├╝r Banken bedeutet die durchgehende Prozessoptimierung und -automatisierung erhebliche Reduzierung der Kosten und eine nachhaltige Senkung des Ausfallrisikos. Erg├Ąnzend lassen Fr├╝herkennungssysteme und Kennzahlensysteme Krisen rechtzeitig erkennen und vermeiden.

Wir beabsichtigen, den smartgr├╝nden-Prozess im Oktober 2016 im Markt einzuf├╝hren. Das Interesse, diesen Prozess zu nutzen, ist bereits sehr gro├č.

4. Frage
Sie haben die Qualit├Ąt der Gr├╝ndungsberatung teilweise in Frage gestellt. Welche Rolle wird der Berater k├╝nftig beim digitalen Gr├╝ndungsprozess spielen?

Antwort:
Es ist unbestritten, dass die Erfolgsaussichten eines Gesch├Ąftskonzeptes erheblich gr├Â├čer sind, wenn der Gr├╝ndungsprozess sowohl in der Vorgr├╝ndungsphase als auch in der Nachgr├╝ndungsphase von einem kompetenten Berater begleitet wird. Die Beratung lebt weiterhin von ihren Beratern, deren Know-how, F├Ąhigkeiten und Beratungsverst├Ąndnis. Beratung wird zum ├╝berwiegenden Teil eine manuelle T├Ątigkeit bleiben.

Die neuen Technologien ver├Ąndern allerdings die Art und Weise, wie eine Beratungsleistung erbracht wird. Die Ver├Ąnderung durch Digitalisierung ist weit mehr, als einfach das Reisen ├╝berfl├╝ssig zu machen oder die Kommunikation zu vereinfachen. Vielmehr befindet sich die Beratung an sich in einem Wandel. Der etablierte Beratungsprozess wird transformiert.

Mit der Einf├╝hrung digitaler Prozesse bekommt der Gr├╝ndungsberater erstmals die M├Âglichkeit, in seiner t├Ąglichen Arbeit beim Gr├╝nder modernste Informationstechnologien wertsch├Âpfend in seiner Beratungsleistung zu verankern, wie beispielsweise die Ergebnisse von Standortanalysen und Pers├Ânlichkeitstests, Plausibilisierungs-Tools und branchenspezifische Kennzahlen. Durch die Interpretation und Bewertung der externen Dimensionen wie Standort, Innovationsgrad, Marktentwicklung, Zielgruppen, Lieferanten und die Wettbewerbssituation f├Ąllt dem Berater eine Schl├╝sselrolle zu. Mit der Zusammenf├╝gung der parametrisierten Bausteine entwickeln Berater und Gr├╝nder gemeinsam modular ein ganzheitliches Gesch├Ąftskonzept.

5. Frage
Eine geniale Gesch├Ąftsidee, ein gutes Team, ein finanzielles Polster ÔÇô was ist das Wichtigste f├╝r eine erfolgreiche Gr├╝ndung?

Antwort:
Gute Gesch├Ąftskonzepte entstehen nicht durch geniale Einf├Ąlle, sondern sind das Produkt einer konsequenten Systematik. Die Qualit├Ąt der Idee ist ohne Zweifel ausschlaggebend, aber sie ist nur das Rohmaterial. Kritisch zu bewerten ist in diesem Zusammenhang die allgemeine Anforderung nach Innovationen: Nicht der Grad der Innovation entscheidet ├╝ber den Gesch├Ąftserfolg, sondern die Marktakzeptanz.

Ich vergleiche den Entwicklungsprozess eines Gesch├Ąftskonzeptes immer mit einem Puzzle. Der oder die Gr├╝nder haben ein unpr├Ązises Bild vor Augen, wie das Puzzle aussehen k├Ânnte, glauben aber an eine L├Âsung. Einige Puzzleteile bringt der Gr├╝nder zum Berater mit, vielleicht sind es schon die Ecken. Gemeinsam mit ihm entwickeln er oder sein Team neue Teile ÔÇô und nach und nach ist ein komplettes Bild zu erkennen.

Wenn es zwei Dinge gibt, die Gr├╝nder beherzigen sollten, dann

ÔÇó sollten Gr├╝nder wissen, dass sie keine Allesk├Ânner oder Allesmacher sein m├╝ssen. Sie m├╝ssen aber wissen, wo sie Kompetenz erhalten k├Ânnen und sollten sich so umfassend informieren, dass sie die Kompetenz beurteilen k├Ânnen.
ÔÇó sie sollten sich nicht auf den Innovationsgrad konzentrieren, sondern auf die Marktakzeptanz seines Angebotes. Die Idee kann noch so au├čerordentlich und begeisternd sein, wichtig ist, dass das Gesch├Ąftskonzept auch umsetzbar ist ÔÇô wenn m├Âglich bei Nutzung vorhandener Ressourcen.

Denn ÔÇô Ihre Idee ist es wert!

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