Karrierefaktor 11. Oktober 2017

Digitales Gr├╝nden mit effizienten Rating-Prozessen – Interview mit Frau Dr. Leibrock


Frau Dr. Leibrock ist wissenschaftliche Beir├Ątin des Deutschen Gr├╝nderverbands und Mitglied des Aufsichtsrats der Accelerest AG. Frau Dr. Leibrock ist mit dem Thema Digitalisierung und Gr├╝nden ├╝ber verschiedene Stationen bei der BayernLB, der Kreditanstalt f├╝r Wiederaufbau KfW und der strategischen Beratung (Boston Consulting Group) intensiv in Ber├╝hrung gekommen.

An diesen Einsatzorten ist sie immer wieder auf die Schwachstellen bei der Kreditfinanzierung von Gr├╝ndungsunternehmen gesto├čen. Accelerest bietet eine Hilfestellung, dieser Problematik systematisch zu begegnen.

 

Welche Bedeutung hat der Bankkredit im Vergleich zu anderen Finanzierungsquellen f├╝r Gr├╝nder (Investments)?

Der klassische Bankkredit hat nach wie vor seine Berechtigung neben anderen Finanzierungsquellen. Ob fremd- oder eigenkapitalbasiert, die Finanzierung muss zum Gr├╝nder, zum Unternehmen und zu den langfristigen Zielen passen. Es ist eben ein Unterschied, ob ich ein Fintech-Startup gr├╝nde oder eine Fahrradwerkstatt.

Laut KfW-Gr├╝ndungsmonitor 2017 werden Existenzgr├╝ndungen zudem immer kapitalintensiver. J├Ąhrlich gibt es in Deutschland durchschnittlich 25.000 Vollerwerbsgr├╝nder mit einem Kapitalbedarf von ├╝ber 25.000,- EUR. Der durchschnittliche Kapitalbedarf von Jungunternehmern in der Gr├╝ndungs- und Startphase liegt bei 60.000,- EUR, in der Wachstumsphase sind es 120.000,- EUR. Fazit: Der neue junge Mittelstand ist ein Wachstumsmarkt. Dennoch ziehen sich viele Banken aus dem Gr├╝nderkredit zur├╝ck.
 

Wie ist der Status Quo in Bezug auf Kreditentscheidungen f├╝r Gr├╝ndungen heute?

W├Ąhrend der Kapitalbedarf weiter steigt, steigen auch die H├╝rden der Kreditvergabe durch Banken, u.a. durch regulatorische Anforderungen. Die Schere zwischen Bedarf und Verf├╝gbarkeit an Gr├╝nderkrediten scheint auseinanderzugehen. F├╝r die Bank ist das Kreditrisiko gerade bei Gr├╝ndern sehr schwer einzusch├Ątzen, da historische Daten zum Unternehmen fehlen und die Qualit├Ąt der eingereichten Gesch├Ąftspl├Ąne sehr heterogen ist.

Die Bank muss pauschale Annahmen zum Ausfallrisiko treffen und dieses mit Eigenkapital unterlegen. Die geringe Standardisierung f├╝hrt au├čerdem zu vergleichsweise hohem Verwaltungsaufwand und damit Kosten. Interessant ist auch, dass Kundenbetreuer zu recht unterschiedlichen Entscheidungen kommen, selbst innerhalb desselben Hauses. F├╝r die Bank wird das schnell unattraktiv, und ├╝ber 80 Prozent der Gr├╝nderkreditanfragen werden abgewiesen
 

Was brauchen Banken, um eine valide Kreditentscheidung (Gr├╝ndungskredite) zu treffen?

Die Banken brauchen vor allem m├Âglichst gute, spezifische und verl├Ąssliche Informationen, um die Kreditw├╝rdigkeit bzw. die Ausfallwahrscheinlichkeit und damit das Risiko einzusch├Ątzen, das die Bank eingeht. Der eingereichte Businessplan alleine reicht daf├╝r nicht aus. Viele Jungunternehmer tun sich damit auch schwer, nicht jeder ist ja im betriebswirtschaftlichen Bereich ausgebildet.

Gr├╝ndungsberater k├Ânnen hier zwar unterst├╝tzend und begleitend zur Seite stehen, was fehlt, ist aber ein einheitlicher, standardisierter und digitaler Prozess. Das w├╝rde allen Beteiligten helfen ÔÇô den Unternehmern, den Beratern und den Banken. Nur so wird sichergestellt, dass die erfassten Informationen auch tats├Ąchlich aussagekr├Ąftig und vergleichbar sind.
 

Wie kann hier Digitalisierung helfen?

Digitalisierung erm├Âglicht einerseits die Standardisierung und Automation von Routine- und Kontrollaufgaben, erleichtert die Dokumentation und schafft Transparenz und Aktualit├Ąt. Auf der anderen Seite hilft Digitalisierung, alle am Gr├╝ndungsprozess Beteiligten auf einer einzigen Plattform zu vernetzen. Das sind die Unternehmer selbst, Berater, F├Ârderinstitute, Banken, Investoren, Versicherer, Leasinggeber und weitere Beteiligte. Alle k├Ânnen auf einem einheitlichen Informationsstand aufsetzen, wobei das individuelle Informationsbed├╝rfnis sichergestellt wird.

Erg├Ąnzt wird dieses digitale ├ľkosystem durch einen unabh├Ąngigen und vollautomatischen Bewertungsprozess des Gesch├Ąftsmodells. Im Endeffekt geht es also darum, durch Kostenreduktion und bessere Risikoeinsch├Ątzung Unternehmensgr├╝ndung und -wachstum f├╝r alle Beteiligten – auch f├╝r den Gr├╝nder oder Jungunternehmer selbst – wieder attraktiver zu machen.
 

├ťber viele Jahrzehnte spielte der pers├Ânliche Kontakt und das daraus resultierende pers├Ânliche Vertrauensverh├Ąltnis eine wichtige Rolle beim Verh├Ąltnis Bank-Unternehmer. Wird dieses pers├Ânliche Verh├Ąltnis nun durch die Digitalisierung komplett unwichtig?

Nein, ├╝berhaupt nicht, das pers├Ânliche Vertrauensverh├Ąltnis zwischen Kunde und Bankberater ist nach wie vor extrem wichtig. Schlie├člich will der Kunde ja wissen, dass im Zweifelsfall jemand da ist, den er ansprechen kann und nicht nur eine anonyme Maschine. Im Gegenteil, ein transparenter Prozess mit klaren Entscheidungskriterien und -hilfen und einer m├Âglichst umfangreichen Datenbasis erleichtert die Vertrauensbildung. Die Beratung kann sich auf die relevanten Fragen konzentrieren.

 

Welche Faktoren spielen f├╝r ein qualitatives Rating eine Rolle?

F├╝r das qualitative Rating spielen drei Dimensionen eine Rolle: die personelle, die organisationelle und die externe. Auf der personellen Seite etwa sind Erfolgsfaktoren wie das unternehmerische Verhalten, pers├Ânliche Kompetenzen oder das Gesch├Ąftsmodell selbst, das im Rahmen der organisationalen Dimension dann noch genauer untersucht wird, etwa hinsichtlich Strategie, Planung, Organisation u.v.a.m. Und nat├╝rlich spielen auch Faktoren wie Zielgruppen, Standort und Wettbewerb eine Rolle.

Alle diese Informationen gibt der Gr├╝nder auf der smartaxxess-Plattform ein, die Angaben werden durch den Gr├╝ndungsberater bewertet, weder Gr├╝nder noch Berater k├Ânnen jedoch Einfluss nehmen auf die Gewichtung dieser Faktoren untereinander, das macht der smartrating-Algorithmus in Abh├Ąngigkeit von der spezifischen Situation.
 

Welche Faktoren spielen f├╝r ein quantitatives Rating eine Rolle?

Selbstverst├Ąndlich flie├čen auch quantitative Werte – soweit z.B. aus Bilanz und GuV bereits vorhanden – in das Risikobewertungsmodell ein. Der Rechenkern, auf dem smartrating basiert, wurde bereits 2002 von Prof. Dr. Schneck entwickelt und ist in ├╝ber 3.000 Installationen in Europa im Einsatz. Erst in der Kombination von quantitativen und qualitativen Faktoren wird eine m├Âglichst valide Insolvenzprognose erreicht. Der Ginikoeffizient betr├Ągt etwa 0,83, d.h. mit 83% Wahrscheinlichkeit wurden in der Validierungsstudie verl├Ąssliche Ratings erzeugt – das ist ein sehr hoher Wert.

Im Ergebnis erh├Âht die smartaxxess-Plattform die Gr├╝ndungsbereitschaft, indem sie alle relevanten Informationen erfasst, aufbereitet, bewertet und Partnern zug├Ąnglich macht. Auf der anderen Seite bekommen Banken und andere Investoren ein einfach zu nutzendes Tool an die Hand, mit dem sich die Komplexit├Ąt der Kredit- oder Kapitalvergabe an Gr├╝nder und Jungunternehmer massiv reduzieren l├Ąsst. Ziel ist es, Gr├╝ndung f├╝r alle Beteiligten wieder attraktiv zu machen.
 

Worauf sollten/m├╝ssen Gr├╝nder generell achten, wenn sie mit Banken wegen einer Unternehmensfinanzierung in Kontakt treten?

Generell sollten die Gesch├Ąftsidee und ihre Umsetzung schon m├Âglichst gut durchdacht und aufbereitet sein, bevor der Gr├╝nder den Kontakt aufnimmt. Das ist genau die Idee hinter smartaxxess, indem der Gr├╝nder und auch der Gr├╝ndungsberater hier Checklisten-basiert durch den Prozess gef├╝hrt werden. So gibt es keine unangenehmen ├ťberraschungen, wenn der Bankberater kritische Fragen stellt. Und auch der Gr├╝nder selbst will ja schlie├člich Vertrauen in sein Gesch├Ąftsmodell und seinen Business Plan haben k├Ânnen.
 

Welche Zielsetzungen sollte das Rating in Verbindung mit der Gesch├Ąftsmodellierung verfolgen?

Gesch├Ąftsmodellierung und Rating sollten gemeinsam m├Âglichst umfassend qualitativ wie quantitativ Ausgangslage und Zielbild des Unternehmens abbilden, um St├Ąrken und Schw├Ąchen rechtzeitig zu erkennen, Entwicklungen vorherzusehen und ggf. die Strategie anzupassen und die entsprechenden Ma├čnahmen ergreifen zu k├Ânnen.

 

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