5 Fragen an: Barbara Wettstein

Barbara Wettstein ist Journalistin mit langjĂ€hriger Verlagserfahrung, gelernte Werbekauffrau und Texterin. Sie schreibt regelmĂ€ĂŸig ĂŒber Karriere, Arbeit und BĂŒrokommunikation auf Arbeits-Abc.

 

1. Wie viel KreativitĂ€t bei der Bewerbung ist erwĂŒnscht, und wann wird es zu viel?

Niemand schreibt gern Bewerbungen – vor allem dann nicht, wenn er schon diverse Absagen erhalten hat. Aber auch bei den Personalern macht sich Frust breit, wenn sie einige Dutzend Anschreiben lesen, in denen sich jemand als teamfĂ€hig, flexibel und kommunikativ bezeichnet. Etwas mehr Abwechslung ist daher sehr erwĂŒnscht.
Ein Weg: die Social Media fĂŒr die Bewerbung nutzen, z. B. ĂŒber die Facebook-Timeline als Lebenslauf, die dann durch ein zweites Profil ergĂ€nzt wird. So lassen sich Kontakte zu den Wunschunternehmen knĂŒpfen, in denen das eigene Engagement herausgestellt wird.
Gute Ideen gibt es zuhauf: z. B. ein Foto versenden mit einem integrierten QR-Code. Wird dieser eingescannt, sieht man auf dem Smart Phone das Bewerbungsvideo. KĂŒrzlich wurde in den sozialen Netzwerken auf Bewerbungen auf Schokoladentafeln oder in Form einer Amazon-Werbung aufmerksam gemacht.
GrundsĂ€tzlich gilt: weniger ist mehr – nicht zu viele Worte machen und die Personaler nicht mit Mappen belĂ€mmern, die wie selbst gebastelt aussehen. Alles was verspielt und ĂŒberladen erscheint, wirkt kindisch und lĂ€sst den notwendigen Ernst vermissen. Also HĂ€nde weg von Briefpapier mit Regenbogen, verfremdeten Fotos und Stickern!
Wenn ein Bewerber ĂŒberhaupt keine zĂŒndende Idee hat, wie er sich von seinen Konkurrenten abheben könnte, verschickt er besser eine konventionelle Bewerbungsmappe, in der alle Standards berĂŒcksichtigt sind. Sinnvoll ist es immer, die Unterlagen auf den Stil der Firma abzustimmen. Wer sich in einem fĂŒr seine KreativitĂ€t bekannten Unternehmen bewirbt, sollte mit eigenen EinfĂ€llen punkten.

 

2. Gibt es Tricks, die Unternehmen in Ihren Portalen einsetzen, um den Bewerber zu testen?

Beweisen lĂ€sst sich das natĂŒrlich schlecht, aber man darf davon ausgehen, dass findige Websedigner Ideen entwickelt haben, um „die Spreu vom Weizen“ zu trennen. Außerdem bieten Institutionen wie die Industrie- und Handelskammer oder spezielle Dienstleister den Unternehmen an, fĂŒr sie Vorchecks in Form von Bewerbertests durchzufĂŒhren. Wer durchfĂ€llt, erhĂ€lt keine Einladung zum VorstellungsgesprĂ€ch.
Aber man sollte sich nicht von irgendwo lauernden Fallen irritieren lassen. Die gibt es auch im Auswahlverfahren (Assessment Center) oder im BewerbungsgesprÀch. Typische Fangfragen kursieren lÀngst im Netz, jeder kann sich entsprechend vorbereiten.
Vielleicht noch interessant in diesem Zusammenhang: Die Unternehmen greifen heute zu frĂŒher unĂŒblichen Methoden, um die besten Mitarbeiter fĂŒr sich zu gewinnen. Eine davon ist das sogenannte Active Sourcing. Damit ist direkte Ansprache eines Arbeitnehmers gemeint, der fĂŒr eine andere Firma tĂ€tig ist – ohne dass beispielsweise ein Vermittler eingeschaltet wird. Gute Leute sollten sich ihr Handeln ĂŒberlegen, wenn sie von der Personalbteilung eines Unternehmens offensiv angesprochen werden. Manchmal lohnt es sich, ins GesprĂ€ch zu kommen.
Immer mehr Agenturen anlaysieren fĂŒr ihre Kunden das Fan-Wachstum, die Interaktionsraten oder das Google-Ranking ihrer Karriereseiten und bieten eine entsprechende Optimierung an. Moderne, imagebewusste Unternehmen wissen, dass eine eindrucksvolle PrĂ€senz auf Facebook, YouTube, Twitter, LinkedIn und Xing ebenso erwartet wird eine eigene aussagekrĂ€ftige Karriereseite.

 

3. Wie viele Arbeitszeugnisse sind fĂŒr die Bewerbung geeignet?

Übereinstimmend wird Bewerbern nahegelegt, nicht alle Zeugnisse und Zertifikate aus ihrem gesamten Leben beizufĂŒgen. Wer soll das alles lesen? Wichtig ist es, die Dokumente auszuwĂ€hlen, die fĂŒr den zukĂŒnftigen Arbeitgeber wirklich relevant sind. Einige Grundregeln sollten dabei aber beachtet werden.
So gehört auf jeden Fall das Zeugnis, aus dem die höchste Berufsqualifikation hervorgeht, in die Bewerbungsmappe. Auf Schul- oder Ausbildungszeugnisse kann man getrost verzichten – besonders wenn der Bewerber etwa 30 Jahre alt ist. Dann zĂ€hlt vor allem die Berufserfahrung, die er mitbringt.
Es reicht aus, die letzten drei Arbeitszeugnisse vorzuzeigen. Falls die Personalabteilung weitere Zeugnisse zu sehen wĂŒnscht, können diese nachgereicht werden.
Belege ĂŒber Fort- und Weiterbildung sollten einen Bezug zum neuen Job haben und möglichst aktuell sein. Dass man sich vor 20 Jahren mit Windows 3.1. vertraut gemacht hat, interessiert heute niemanden mehr.
Die Unterlagen bitte nicht ungeordnet in die Bewerbungsmappe legen: Zu oberst gehören die Zeugnisse, wobei das aktuellste davon zuerst sichtbar sein sollte. Dann folgen weitere Arbeitszeugnisse. BerufsanfĂ€nger fĂŒgen ihr Ausbildungszeugnis oder Diplom bei. Wer sich um einen Ausbildungsplatz  bewirbt, legt sein letztes Schulzeugnis in die Mappe. Unter die Zeugnisse kommen weitere Zertifikate, auch hier liegt das aktuellste oben.
HĂ€ufig wird gefragt, ob die Arbeitszeugnisse beglaubigt werden mĂŒssen. Dies ist normalerweise nicht erforderlich – es sei denn, der Arbeitgeber in spe verlangt es. Ganz wichtig: niemals Originale aus der Hand geben und alle Unterlagen nur als Kopie versenden.

 

4. Wie stark beeinflussen Sympathie und Antipathie den Ausgang eines BewerbungsgesprÀchs?

Das ist ein weites Feld – vor allem, wenn ein Bewerber sich bei einem Personaler vorstellt und nicht bei seinem kĂŒnftigen Vorgesetzten oder Chef. Ist Letzteres der Fall, werden beide Seiten stark darauf achten, dass die Chemie stimmt und eine flĂŒssige Kommunikation entsteht. Sich mit einem gestressten Mitarbeiter aus der Personalabteilung zu unterhalten, ist unpersönlicher, und die meisten Bewerber fĂŒhlen sich dann stĂ€rker auf dem PrĂŒfstand. Sie wissen, wenn sie diese HĂŒrde nicht schaffen, lernen sie den Boss niemals kennen. Also geht es mehr darum, die eigenen Qualifikationen zu betonen, Fangfragen gelassen zu kontern und mit den Soft Skills zu punkten.
Sehr wichtig: gut vorbereitet in so ein GesprĂ€ch gehen. Die Kleidung muss stimmen, die Grundhaltung sollte zuversichtlich und selbstbewusst sein. Auf keinen Fall darf der Bewerber ĂŒbertreiben oder versuchen, die GesprĂ€chsfĂŒhrung an sich zu reißen. Auch sollte er sich mit dem Unternehmen beschĂ€ftigt haben, bei dem er sich bewirbt. Gezielte Fragen kommen besser an als ein Referat ĂŒber die Recherchen, die man bereits im Vorfeld betrieben hat. Wer sich einzuschleimen versucht, erhĂ€lt meist die rote Karte.
Manchmal entscheiden jedoch irrationale Faktoren ĂŒber Sympathie und Antipathie entscheiden, denn auch Personaler werden von ihrer Tagesform beeinflusst. Eine Rolle können Ausdrucksweise, starker Dialekt, Körpersprache, als Überempfindlichkeit bewertete Reaktionen oder nervöse Ticks spielen. Wer sich dabei ertappen lĂ€sst, nicht aufrichtig zu sein, kann meistens sowieso gleich wieder gehen.
Bewerber sollten sich mit Spekulationen nicht nervös machen  – manchmal geben Faktoren den Ausschlag fĂŒr eine Ablehnung, die nichts mit der Person zu tun haben. Beim nĂ€chsten VorstellungsgesprĂ€ch kann es schon viel besser laufen.

 

5. Bevorzugen die meisten Unternehmer erfahrene Bewerber oder Neueinsteiger mit frischen Ideen?

Diese Frage lĂ€sst sich schwer allgemeingĂŒltig beantworten. So hieß es lange, die Bewerber sollten jĂŒnger werden, doch die jungen Leute, die heute mit einem Bachelor-Abschluss auf Jobsuche gehen, haben es oft sehr schwer. Nach nur drei Jahren Studium werden sie in manchen deutschen Unternehmen nicht recht ernst genommen. Dabei hatte sich die Wirtschaft explizit praxisnah ausgebildete, junge Absolventen gewĂŒnscht. Nun strömen die Bachelors auf den Arbeitsmarkt und sind nicht wirklich willkommen. Die Kandidaten mit Master, Diplom oder MBA (Master of Business Administration) laufen ihnen den Rang ab. Mancher Bachelor, der naturgemĂ€ĂŸ keine Berufserfahrung mitbringt, landet zunĂ€chst in einem Praktikum. Anders ist es in den angelsĂ€chsischen LĂ€ndern, wo die Bachelor-Absolventen direkt ins Arbeitsleben integriert werden. Hierzulande setzen viele Firmen den Bachelor-Abschluss mit dem Vordiplom gleich. In den Augen vieler Personaler besitzt nur derjenige Bewerber eine vollwertige akademische Ausbildung, der obendrein noch den Master macht.
GrundsĂ€tzlich sieht die Wunschliste fĂŒr Bewerber oder Neueinsteiger unterschiedlich aus – es hĂ€ngt stark vom Job und dem Verantwortungsbereich ab.  Ein Personaler formulierte es kurz und bĂŒndig so:

  1. Zielorientierung, Ergebnisorientierung, Pragmatismus, Unkompliziertheit
  2. HĂ€ufig die Bereitschaft, sich durch kontinuierliches Arbeiten, Fachwissen eine Position zu erarbeiten.
  3. Vertriebsorientierung, Begeisterung fĂŒr Vertrieb, Argumentations- und KommunikationsstĂ€rke
  4. Eigenes Anspruchsdenken zu hinterfragen.

Ein akademischer Abschluss allein garantiert keine Vorgesetztenstelle und befreit auch nicht grundsÀtzlich von Routine-TÀtigkeiten.
Die Kehrseite der Medaille liest sich so:   Wir vermissen die FÀhigkeit, die im Studium erlangten Kenntnisse auch in andere Fach- und Unternehmensbereiche umzusetzen. Oft fehlt die einschlÀgige Praxiserfahrung, insbesondere bei Absolventen aus wirtschaftswissenschaftlichen Fachrichtungen.

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