Karrierefaktor 15. April 2015

5 Fragen an: Hans-Georg Willmann

5 Fragen an Hans-Georg Willmann

Der Freiburger Diplom-Psychologe ist Experte f√ľr Karrierefragen. Als Coach ber√§t er Mitarbeiter und F√ľhrungskr√§fte im ganzen Land. Firmen unterst√ľtzt er in Fragen der Personalauswahl und der Personalfreisetzung, um Trennungen fair zu gestalten. Er war als Personalauswahlreferent u.a. f√ľr den Deutschen Entwicklungsdienst (GIZ), als Trainer in der Personalentwicklung und als Outplacement-Berater im Auftrag namhafter Beratungsfirmen t√§tig. 2003 gr√ľndete er seine eigene Firma f√ľr Personalberatung und Coaching: www.willenskraft.de. Er ist Autor zahlreicher Erfolgsratgeber. In seinem neuen Buch ‚ÄěErfolg durch Willenskraft‚Äú (GABAL Verlag) verr√§t er, wie man mehr von dem erreicht, was man sich vornimmt.

1. Welche Anzeichen im Job zeigen, dass es Zeit f√ľr einen beruflichen Neustart ist?

Ein typisches Merkmal ist eine anhaltende Unzufriedenheit mit der Arbeit. Wer √ľber l√§ngere Zeit morgens nur widerwillig zur Arbeit geht sollte sich fragen, welche Auswirkungen das auf seine Gesundheit und auf sein Privatleben hat und sich √ľberlegen, was ihn unzufrieden macht. Ist es eineUnterforderung und beruflicher Stillstand oder eher eine √úberforderung und Stress der Sie unzufrieden macht? Ist es eine permanente Arbeitsplatzunsicherheit, vielleicht sogar eine drohende Arbeitslosigkeit, die Sie belastet? Sind es die Menschen im Job oder generell die Arbeitsinhalte, mit denen Sie nur wenig anfangen k√∂nnen? Ein ernstzunehmendes Vorzeichen daf√ľr, dass die Zeit f√ľr einen beruflichen Neustart gekommen ist: Sie ertappen sich dabei, wie Sie unaufh√∂rlich √ľber Ihre Arbeit klagen. Daf√ľr ist das Leben zu kurz. Ich berate meine Kunden nach dem Motto: ‚ÄěNicht klagen sondern fragen.‚Äú Fragen Sie sich, welche Talente und F√§higkeiten Sie einsetzen und welche Leidenschaften und Bed√ľrfnisse Sie im Job erf√ľllen wollen. Und dann √ľberlegen Sie, wie Ihr beruflicher Neustart aussehen muss, um all das, was Sie wollen, zu realisieren. Reicht es aus, den Arbeitgeber zu wechseln oder ist es notwendig einen neuen Beruf zu erlernen? Bringt Sie ein Quereinstieg weiter oder ist es vielleicht sinnvoll, sich selbstst√§ndig zu machen?

2. Ist es f√ľr erfahrene Arbeitnehmer ab einem gewissen Alter zu sp√§t f√ľr einen beruflichen Neustart?

Zu sp√§t ist relativ. Einen Arbeitgeberwechsel oder einen Quereinstieg k√∂nnen Sie auch mit ‚Äě50 plus‚Äú erfolgreich realisieren. Anders ist das mit einem Berufswechsel oder einer Selbstst√§ndigkeit. Die meisten von uns sichern sich durch die Erwerbsarbeit ihre Existenz und ab einem gewissen Alter rechnet sich ein Berufswechsel oder der Aufbau einer Selbstst√§ndigkeit einfach nicht mehr, wenn man davon leben muss. Abgesehen davon sollte man realistisch pr√ľfen, welche Aussichten mit dem neuen Berufsbild im ‚Äěfortgeschrittenen‚Äú Alter auf dem Arbeitsmarkt verbunden sind. Ein 46-j√§hriger Naturwissenschaftler, der sich in einem 18-monatigen Referendariat zum Lehrer f√ľr berufliche Gymnasien ausbilden l√§sst, hat gute Berufsaussichten und eine sichere Zukunft vor Augen ‚Äď selbst wenn er erst mit 48 Jahren im Berufsbild des Lehrers anf√§ngt zu arbeiten. Ein 46-j√§hriger Kaufmann, der noch einmal Informatik studiert und mit 49 oder 50 Jahren als ‚Äěfrischer‚Äú Informatiker auf Jobsuche geht, hat ein Problem. Arbeitsmarktrealit√§t hin oder her, der Erfolg eines beruflichen Neustarts steht und f√§llt mit der Bereitschaft und der F√§higkeit des einzelnen, den Preis f√ľr die berufliche Ver√§nderung zu bezahlen. Alles hat einen Preis. Wer stets mehr will als er bereit und f√§hig ist einzusetzen, wird sein Ziel nicht erreichen ‚Äď und auch nie zufrieden werden. Unabh√§ngig vom Alter. Ein beruflicher Neustart findet immer zwischen Wunsch und Wirklichkeit statt. Davon zu tr√§umen beruflich neu zu starten ist der Anfang. Dann hei√üt es allerdings ‚Äěaufwachen‚Äú und sich an die Umsetzung machen. Daf√ľr braucht es Willenskraft, um sein Ziel zu erreichen.

3. Welche Möglichkeiten zur Neuorientierung haben junge Arbeitnehmer, die kurz nach dem Berufseinstieg merken, dass sie wohl doch nicht das Richtige studiert haben?

Erst mal Durchatmen. Berufseinsteiger, die im ersten Job bereits nach kurzer Zeit glauben zu merken, dass sie sich auf dem Spielfeld geirrt haben, sollten zun√§chst pr√ľfen, ob es sich um eine nat√ľrliche Abwehrreaktion im Umstellungsprozess von der Ausbildung (Studium) zur Arbeit handelt. Im Job ist nicht nur vieles sondern fast alles anders, als in der Ausbildung. Auszubildende (Studierende) genie√üen ‚ÄěWelpenschutz‚Äú. Sie stehen nicht in der (vollen) Verantwortung. Im ‚Äěrichtigen‚Äú Job haben Sie einen Chef, der sein F√ľhrungshandwerk mehr oder weniger gut versteht. Es gibt Kollegen, mit denen Sie sich mehr oder weniger gut verstehen. Es gibt Aufgaben, die mehr oder weniger viel mit Ihrer Ausbildung zu tun haben. Und Sie sind daf√ľr verantwortlich, effektiv und effizient zu arbeiten. Sich hier zu orientieren und herauszufinden, welche Ihrer Talente, F√§higkeiten und Eigenschaften Sie tats√§chlich gut einbringen k√∂nnen und welche Entwicklungsm√∂glichkeiten Sie haben, dauert ein bisschen. Da ist es wenig sinnvoll, eine mehrj√§hrige Ausbildung ‚Äď die Sie ja aus irgendeinem Grund absolviert und sogar abgeschlossen haben ‚Äď auf den ersten Metern der Berufst√§tigkeit so sehr in Frage zu stellen, dass Sie gleich alles hinschmei√üen. Wenn Sie das Gef√ľhl des Irrtums jedoch auch nach Monaten nicht losl√§sst, hei√üt es: handeln! Gehen Sie dabei systematisch und Schritt f√ľr Schritt vor:

1) Finden Sie heraus, welche Talente und F√§higkeiten, welche Interessen und Neigungen und welche Eigenschaften und Bed√ľrfnisse Sie auszeichnen. Nutzen Sie dazu einschl√§gige Literatur, Online-Tests und das Gespr√§ch mit den Menschen, die Sie kennen.

2) Recherchieren Sie Berufs- und Arbeitsfelder, in denen Sie das, was Sie auszeichnet einsetzten k√∂nnen und in denen Sie das, was Sie erreichen wollen auch erreichen k√∂nnen. Nutzen Sie dazu die Informationsdatenbank der Agentur f√ľr Arbeit und wiederum die einschl√§gige Literatur und Gespr√§che mit Menschen, die in den Bereichen arbeiten, die Sie sich vorstellen k√∂nnen.

3) Absolvieren sie kurze Hospitationen oder Praktika in den Bereichen, die Sie sich als zuk√ľnftiges Berufsfeld vorstellen k√∂nnen. Das ist allemal besser, als sich f√ľr etwas Neues zu entscheiden und nach wenigen Monaten festzustellen, dass es doch wieder nicht passt. Mit diesen drei Schritten k√∂nnen Sie eine fundierte Entscheidung f√ľr einen beruflichen Neustart treffen. Wer sich in diesem Orientierungsprozess unsicher f√ľhlt, kann sich von einem Coach oder Karriereberater begleiten lassen.

4. Das Unternehmen und die Kollegen sind toll, die Aufgaben jedoch langweilig und unterfordernd. Wie lösen Arbeitnehmer dieses Problem ohne einen Neustart?

Wenn Sie mehr drauf haben, als im Job abgerufen wird, sollten Sie mit Ihrem Chef sprechen. Im Chef-Gespr√§ch k√∂nnen Sie kl√§ren, ob und wenn ja welche abteilungs- oder unternehmensinterne M√∂glichkeiten existieren, um Ihre Arbeit aufzupeppen. Gibt es keine M√∂glichkeiten, k√∂nnen Sie √ľber eine berufsbegleitende Weiterbildung nachdenken, in der Sie einerseits mehr gefordert werden und die Ihnen andererseits neue berufliche Perspektiven er√∂ffnet. Sie k√∂nnen sich auch nebenberuflich f√ľr etwas engagieren, das Ihnen am Herzen liegt, und bei dem Sie mit Ihren Talenten und F√§higkeiten mehr oder anders gefordert werden. Das kann ein neues Hobby sein, ein soziales Engagement oder auch die eigene Familie. Unterfordern Sie sich nicht zu lange. Ein Rennpferd, das nur noch im Stall steht verk√ľmmert.

5. Und wenn das Gegenteil der Fall ist: Wie lösen Arbeitnehmer das Problem eines permanent hohen Stresslevels?

Zun√§chst ist es sinnvoll, einen Realit√§tscheck durchzuf√ľhren. Die Frage lautet: Welche Ausl√∂ser sind f√ľr meinen permanent hohen Stresslevel verantwortlich? Wurde vielleicht gerade ein neues EDV-Programm eingef√ľhrt und Sie beherrschen die Software noch nicht so gut? Arbeiten Sie eigentlich Teilzeit, haben jedoch die Aufgabenf√ľlle einer Vollzeitkraft? Funktioniert die Kommunikation im Team nicht reibungsfrei? Oder haben Sie privat gerade so viel Belastung, dass Sie sich in der Arbeit gar nicht konzentrieren k√∂nnen? All das und noch viele m√∂gliche Ausl√∂ser mehr k√∂nnen f√ľr einen permanent hohen Stresslevel verantwortlich sein. Auch hier hilft ein Chef-Gespr√§ch weiter. Der Chef hat immerhin eine F√ľrsorgepflicht und sollte √ľberdies auch ein Interesse daran haben, dass es seinen Mitarbeitern gut geht. Er ist daf√ľr verantwortlich die Rahmenbedingungen zu schaffen, in denen Sie gute Leistungen erbringen k√∂nnen und gesund bleiben. Viele Mitarbeiter arbeiten aber auch nach dem Muster ‚Äěsei stark, sei perfekt, sei beliebt‚Äú und setzen sich damit selbst unter massiven Druck. Hier kann ein Stressbew√§ltigungstraining helfen, neue Bewertungsmuster zu erlernen, um besser mit den Stressausl√∂sern umgehen zu k√∂nnen. Bei Ihrer Krankenkasse erhalten Sie einen √úberblick √ľber anerkannte Stresspr√§ventionskurse. Sie k√∂nnen auch bei den Stressreaktionen ansetzen. Wenn Sie durch die Belastungen im Job zum Beispiel sehr angespannt und k√∂rperlich verspannt sind, k√∂nnen Sie mit Sport, Massagen und Entspannungs√ľbungen f√ľr mehr Wohlbefinden sorgen. Ein permanent hoher Stresslevel macht krank. Achten Sie darauf, dass Sie im Job nicht hei√ü laufen.

Newsletter abonnieren

Was bringt meine Karriere voran? Regelmäßige Tipps zu Karriere & Weiterbildung...

E-Mail-Adresse eintragen:
 Ich habe die Datenschutzerkl√§rung & Widerrufshinweise zur Kenntnis genommen. Ich stimme zu, dass meine E-Mailadresse zum Versand des Newsletters elektronisch erhoben und gespeichert wird. Hinweis: Sie k√∂nnen Ihre Einwilligung jederzeit f√ľr die Zukunft hier per E-Mail an Karrierefaktor.de widerrufen.

 

Karrierefaktor von: Karrierefaktor
243 0 0


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.


Top-Artikel

Weiterbildung

Ein gelungener Start f√ľr Ihre englische E-Mail

Wie gut sind Ihre englischen E-Mails? Können Sie sicher verkehren und haben Sie stets die richtigen ...
Weiterlesen »

Karrierefaktor von: Karrierefaktor
71735 0 1
Firmenfahrzeug Im Job

Dienstwagen statt Gehaltserhöhung: Wann sich der Deal lohnt

Wenn der Chef die Bitte nach einer Gehaltserhöhung immer wieder ablehnt, bleibt noch die ...
Weiterlesen »

Karrierefaktor von: Karrierefaktor
36046 0 5
Gehalt

Wann muss das Gehalt auf dem Konto sein?

Ein monatliches Gehalt ist eine schöne Form von Sicherheit: Du kannst planen, einen Dauerauftrag ...
Weiterlesen »

Karrierefaktor von: Karrierefaktor
22115 0 0

Legende: Karrierefaktor = Karrierefaktor   Gastbeitrag = Gastbeitrag



Karrierefaktor

Google+