Die Arbeitswelt im Wertewandel – Ein Interview mit Jan Thomas Otte

Zahlen einer Studie des Linzer Market Instituts behaupten: Die Werte in der Arbeitswelt stehen vor einem Wandel. Das Erschreckende? Vor allem die sozial-orientierten, zwischenmenschlichen Werte befinden sich auf dem R√ľckgang. Aufschwung hingegen erhalten stark karriereorientierte Eigenschaften. Stimmt das Vorurteil, Wirtschaft und Ethik seien widerspr√ľchliche Aspekte etwa doch?

Dazu haben wir mit Jan Thomas Otte gesprochen. Von Kindesbeinen an als Journalist unterwegs, forscht der Wirtschaftsethiker nun f√ľr seine Doktorarbeit. Er besch√§ftigt sich vor allem mit dieser Frage: ‚ÄěWas motiviert ethisches Verhalten?‚Äú. Antworten dazu findet Thomas auch in Reportagen und Interviews im von ihm gegr√ľndeten Onlinemagazin Karriere-Einsichten.

Karrierefaktor: Karriere und Charakter, ein Widerspruch in sich?

Jan Thomas Otte: Alles eine Frage der Authentizit√§t. ‚ÄěEigentlich bin ich ganz anders. Komme nur selten dazu‚Äú, das h√∂re ich in meinen Recherchen immer wieder. Und da treffe ich wirklich auf die verschiedensten Typen, Berufsbilder und Lebensl√§ufe. Ja, vielleicht ist das ein Widerspruch. Aber der klingt echt komisch.

Versetzen wir uns doch mal in die Lage eines Berufseinsteigers, quasi ‚Äěfrisch von der Uni‚Äú. Nennen wir ihn Frido. Jetzt macht er Karriere. Mit allen St√§rken und Schw√§chen, die Frido eben wie jeder andere auch hat. Ersteres ist nat√ľrlich super f√ľr seinen Chef. Letzteres kehrt er gerne unter den Tisch, will er doch m√∂glichst einen guten Eindruck im Team hinterlassen, am besten bei der ganzen Abteilung. Seine Kollegen raten ihm eh: ‚ÄěBlo√ü nichts anbrennen lassen!‚Äú

Es geht beim Karriere-Machen immer auch um Anerkennung, manchmal das Kompensieren von Minderwertigkeitsgef√ľhlen, wir nennen das gerne Komplexe. Die sind meiner Meinung dann die Crux an der ganzen Geschichte: Das Frido ohne es genau zu merken schon damit angefangen hat, jemand anderes sein zu wollen. Und vor lauter Vergleichen, Biegen und Sch√∂nmalen gar nicht mehr dazu kommt, echt zu sein. Das ist dann tats√§chlich eine ‚Äěcontradictio injectionis‚Äú, hat mir mal mein Latein-Lehrer in eine Klassenarbeit reinkorrigiert‚Ķ

Karrierefaktor: Die Studie des ‚Äěmarket Instituts‚Äú behauptet, Eigenschaften wie H√∂flichkeit, Ehrlichkeit und Bescheidenheit befinden sich auf dem R√ľckgang. Ehrgeiz, Wettbewerbs- und Karriereorientierung hingegen werden wichtiger. Finden Sie nicht, dass das nach einer sehr egoistischen Gesellschaft klingt?

Jan Thomas Otte: Groß angelegte Umfragen sind eine spannende Sache. Aber wirklich objektiv sind auch die nicht, hängt doch alles von der Methode und den Kriterien ab, die der Wissenschaftler an seine Studie anlegt. So gesehen kann man auch das klare Gegenteil behaupten!

Alles also eine Frage der Sicht. Nehme ich unsere Arbeitswelt eher egoistisch war, v√∂llig brutal ‚Äď oder doch auch ein bisschen nett, kooperativ. Hart auf hart kann ich Stromberg nur zustimmen, wenn der B√ľromensch sagt: ‚ÄěDas Leben ist kein Ponyhof‚Äú. Oder: ‚ÄěWir sind hier nicht bei ‚ÄěW√ľnsch dir Was‚Äú. Nun ja. Auch diese pessimistische Sichtweise hat ihre Achterbahn vor sich.

Bei gro√üen Entlassungen zum Beispiel, ob Schlecker, Nokia oder Opel. Obwohl man es nicht vermuten w√ľrde. Da entsteht etwas, was Politiker, Pfarrer und andere Prediger gerne Solidarit√§t nennen. Menschenketten werden im Streik gebildet, W√ľrstchen f√ľr die gesamte Belegschaft gegrillt, Sparschweine f√ľr Hilfsfonds unter Mitarbeitern gef√ľllt. Also bilden sich da auch Gr√ľppchen. Klar, da gibt es auch das: Cliquen, die ihre √ľbersch√ľssige Energie lieber darin auslassen, andere Kollegen zu dissen, bashen und mobben‚Ķ

Karrierefaktor:¬†F√ľhren der Verlust solcher Werte nicht auch zur H√§ufung von Fehlern? Wer zu ehrgeizig ist und zu sehr nach Profit strebt, vergisst oft offen f√ľr Kritik und andere Ideen und L√∂sungsvorschl√§ge zu sein.

Jan Thomas Otte: Da f√§llt mir spontan ein g√§ngiges Sprichwort ein: ‚ÄěErfolg macht blind‚Äú. Angenommen, Frido wird irgendwann mal erfolgreicher Manager in einer Linienposition, nachdem er sich einige Jahre als Unternehmensberater hochgearbeitet hat. In seinem Karriere-Modell hat er mitbekommen, wie Mitarbeiter nach bestimmten Kriterien gegeneinander bewertet wurden. Das Prinzip: ‚ÄěUp or out‚Äú, wie es zum Beispiel McKinsey nennt. Auf dem Weg nach oben spielen ‚Äěsoft skills‚Äú, wie es in der Gesch√§ftswelt gerne hei√üt, bisher kaum eine Rolle.

Das kann ich jetzt gut oder schlecht finden. H√§ufig h√∂re ich diese vermeintlichen Entschuldigungen: ‚ÄěDas System ist halt so‚Äú, ‚ÄěEthik ist nice-to-have‚Äú oder ‚ÄěBusiness ist eben Business‚Äú.

Auf der Karriereleiter klettert Frido mit Ellenbogen schneller hoch. Solange er die Erwartungen seiner Vorgesetzten √ľbertrifft, seine Kunden mehr als zufrieden sind. Dann sind ein paar Kollegen neidisch, fragt man nach dem Wie, wie Frido das angestellt hat. Frido kann aber beim Was bleiben, wenn weiter die Kasse klingelt, in der Firma und beim j√§hrlichen Zahlen von Fridos Bonus. Das System gibt ihm quasi Recht‚Ķ

Karrierefaktor:¬†Stichwort Bankenkrise: Immer wieder wird der Vorwurf laut, wir bef√§nden uns in dieser Krise, weil die Banker ohne R√ľcksicht auf Verluste profitgierig gehandelt haben. Die eigene Karriere voran bringen um jeden Preis. Hei√üt das, vor 20 Jahren h√§tten wir nicht in eine solche Krise schlittern k√∂nnen?

Jan Thomas Otte: Vor 20 Jahren ging es los, das gro√üe Gesch√§ft an der B√∂rse, die ganze Globalisierung wurde losgetreten. Wirtschaftsethiker nennen das gerne Casino- oder Hyperkapitalismus. Wie man das Ungeheuer auch nennen will, eins ist klar: Solange wir nur √ľbers System schimpfen, wird sich nichts √§ndern.

Es reicht auch nicht, dass Unternehmen ein paar Euro aus ihren gemachten Ums√§tzen in soziale Projekte stecken ‚Äď vorausgesetzt, es geht um ‚ÄěWindow-Dressing‚Äú oder ‚ÄěGreen-Washing‚Äú. In meiner Doktorarbeit fange ich deshalb ganz vorne an, beim eigenen Ich, dem Charakter. Und der Frage, was Werte motiviert, um diese doch so gemeine Welt, wo manche sich selbst am n√§chsten sind, tats√§chlich ein bisschen besser zu machen.

Karrierefaktor: Oft wird behauptet, M√§nner seien zielorientierter und weniger r√ľcksichtsvoll und k√∂nnten sich gerade deswegen in F√ľhrungspositionen besser behaupten als Frauen. M√ľssen Frauen unh√∂flicher werden?

Jan Thomas Otte: Frauen haben weniger Fridos Problem. Sie verstellen sich weniger, sind authentischer, mehr sie selbst. Und sie sind so schlau, f√ľr ihre Karriere nicht ihren Charakter, ihre Seele zu verkaufen. Vielleicht kann die Telekom deswegen noch nicht ihre Frauenquote im Top-Management mit 30 Prozent f√ľllen.

Sie wissen: Selbst der beste Job dieser Welt ist ein wichtiger Teil ihrer Selbstverwirklichung. Aber eben nur ein Teil vom Ganzen, neben stabilen Beziehungen: Familie, Freunde, Bekannte. Die sind kein Haifischbecken, geben einem eher ehrlich gemeintes Feedback. Bevor das Kind in den Brunnen f√§llt und man sich mit ‚ÄěWork-Life-Balance‚Äú oder √§hnlichen Spagat-Konstruktionen rausreden muss‚Ķ

Karrierefaktor: Was können Firmen tun, um Unternehmenskulturen zu entwickeln, die gesellschaftliche Werte waren?

Jan Thomas Otte: Gute Frage! Leider keine sonderlich konkrete Antwort. Das wichtigste ist meiner Meinung, Unternehmen nicht nur als organisatorische Notwendigkeit zu verstehen. Es geht bei ihnen um mehr als ‚Äěnur‚Äú Geld f√ľr Miete, Versicherung und Supermarkt zu verdienen, dem Staat Steuern zu zahlen. Lasst uns nicht weiter √ľber das WAS reden, sondern eben das WIE.

Da sind Familienunternehmer, denen ihr Laden selbst seit Generationen gehört, immer noch den Managern von an der Börse gehandelten Firmen um Meilen voraus, die Hipps und Deichmänner.

Karrierefaktor:¬†Wollen Unternehmen das dann √ľberhaupt? Ist es nicht wichtiger einen profitorientierten Mitarbeiter zu besch√§ftigen, als einen, der dem Chef morgens die T√ľr aufh√§lt?

Jan Thomas Otte: Siehe Fridos Beispiel. Das ist kurzfristig alles erfolgreich, ‚Äěcash is king‚Äú und so weiter. Aber langfristig wird Frido sp√§testens in der Chefetage ein Schild sehen: ‚ÄěAb hier geht es nicht mehr aufw√§rts, sondern nur noch runter‚Äú. Und die Treppe auch mal wieder nach unten gehen zu k√∂nnen, nachdem man die Karriereleiter hochgehechelt ist, das verlangt Mut und Courage. Charakter eben!

Karrierefaktor: Ein abschließendes Statement von Ihnen zum Thema Karriere und Werte: Rechnen Sie auch mit einem so rapiden Wandel oder wird am Ende doch noch alles gut?

Jan Thomas Otte: Ich glaube daran. Aber diesen Glauben habe ich nicht selbst. Ich teile ihn mit anderen Weltverbesserern, vor allem in der Kirche. Und ich will die Kirche weder im Dorf lassen noch ‚ÄěGott einen guten Mann sein lassen‚Äú.

Krempeln wir doch einfach mal wieder die √Ąrmel hoch, weil St√§rken st√§rken eben st√§rker macht. Statt sich mit seinen v√∂llig normalen Schw√§chen weiter zu schw√§chen, indem sich Frido in seine eigene Tasche l√ľgt. Ich glaube daran, dass wir eigentlich viel gr√∂sser sind, als wir denken. Meine unseren Charakter. Ich arbeite also bin ich? Vielleicht, hoffentlich aber mehr als das.

0 Kommentare

Hinterlasse einen Kommentar

An der Diskussion beteiligen?
Hinterlasse uns deinen Kommentar!

Schreibe einen Kommentar