5 Fragen an: Bernd Slaghuis

Dr. Bernd Slaghuis appelliert an die Selbstverantwortung jedes Einzelnen f├╝r sein Leben. Der ├ľkonom und Systemische Coach hat sich auf Fragen der Neuorientierung im Beruf spezialisiert, betreibt eine Coaching-Praxis in K├Âln und ist zudem als Strategieberater f├╝r Unternehmen sowie als Dozent und Redner t├Ątig.

Sein Leitsatz: ÔÇ×Gl├╝ck und Zufriedenheit sind die Basis f├╝r Gesundheit und Erfolg im Leben.ÔÇť Er ist ├╝berzeugt, dass jeder das R├╝stzeug und die M├Âglichkeiten hat, das zu tun, was ihn gl├╝cklich macht.

1. Sie unterst├╝tzen Ihre Kunden beim ÔÇ×DownshiftingÔÇť. Was verstehen Sie darunter?

Ich erlebe viele Menschen, h├Ąufig mit einer typischen Bilderbuch-Karriere, die mit ihrer beruflichen und auch privaten Situation unzufrieden sind und sich eine Ver├Ąnderung w├╝nschen. Diese Ver├Ąnderung geht oft einher mit dem Wunsch, im Job runterzuschalten, auch freiwillig auf Einkommen zu verzichten, daf├╝r aber mehr Zeit mit Dingen zu verbringen, die mehr Sinn stiften. Downshifting bedeutet nicht Faulenzen oder Langsamkeit, sondern den eigenen Entschluss, gezielt aus einem h├Ąufig als fremdbestimmt empfundenen Leben zu mehr Selbstbestimmung zu gelangen. Hier sind die unterschiedlichsten M├Âglichkeiten denkbar. Das Spektrum reicht von der K├╝ndigung des aktuellen Jobs und dem Beginn mit etwas ganz Neuem bis hin zu einem bewussten Runterschalten und K├╝rzertreten im Beruf und der Entscheidung, andere Werte, die einem im Leben wichtig sind, st├Ąrker in den Vordergrund zu r├╝cken. Beim Downshifting steht in meiner Wahrnehmung nicht ein Weniger an Arbeit, sondern die selbst getroffene Entscheidung im Fokus, selbstbestimmt, eigenverantwortlich und gelassener die eigenen Ziele zu verfolgen. Wer downshifted arbeitet danach nicht unbedingt weniger, aber gl├╝cklicher und zufriedener.

 

2. Woran erkennen Arbeitnehmer, dass Ihr Stresspegel zu hoch ist?

Stress ist ja zun├Ąchst nicht grunds├Ątzlich etwas Schlechtes, sondern kann in bestimmten Situationen auch positive Aspekte haben. Wenn Menschen mit gro├čer Leidenschaft einem Ziel nachgehen und sich ihren Aufgaben f├Ârmlich hingeben, empfinden sie auch eine gro├če Menge an Arbeit oder auch knappe Zeit nicht als negativen Stress, sondern als Herausforderung. Negativer Stress im Beruf kann unterschiedliche Ursachen und Wirkungen haben. Manche Arbeitnehmer stresst es, in zu enge Strukturen oder Abl├Ąufe eingebunden zu sein, einige empfinden Stress, weil sie mit ihren Kollegen nicht auskommen, andere kann es auch stressen, zu wenig Aufgaben am Tag zugewiesen zu bekommen. Viele meiner Klienten im Coaching stresst es, T├Ątigkeiten nachzugehen, die nicht mehr ihren eigenen Werten entsprechen. Etwas in ihren Augen nicht sinnhaftes zu tun, ist eine sehr h├Ąufige Ursache f├╝r Frust am Arbeitsplatz. Auch die Reaktionen der Menschen auf Stress k├Ânnen sehr unterschiedlich sein, von Krankheiten, wie Herz-/Kreislaufbeschwerden bis hin zu psychischen Reaktionen, wie beispielsweise Depressionen oder Verhaltensst├Ârungen. Unabh├Ąngig davon, was der Ausl├Âser von Stress ist und wie die Reaktion des K├Ârpers darauf ist, erkennen wir in der Regel f├╝r uns selbst, wenn wir unzufrieden und ungl├╝cklich sind. Ich meine hier nicht den stressigen Tag vor einer wichtigen Pr├Ąsentation oder die Zeit vor dem nahenden Urlaub, vor dem noch alles erledigt werden muss, sondern dauerhafte Unzufriedenheit. Wenn jemand f├╝r sich erkennt, dass er in seinem beruflichen Umfeld nicht mehr gl├╝cklich wird, sollte er etwas in seinem Leben ver├Ąndern.

 

3. Immer mehr Zeitschriften titeln: ÔÇ×Rettet den Feierabend!ÔÇť. Ein Appell an jeden Arbeitnehmer oder sind die Arbeitgeber verantwortlich f├╝r das steigende Stresslevel?

Ich habe diese Artikel gelesen und die Diskussion mitverfolgt. Gest├Ârt hat mich daran, dass fast immer die ÔÇ×b├ÂsenÔÇť Arbeitgeber Schuld an den Belastungen der Arbeitnehmer sind. Die Beitr├Ąge erf├╝llen genau die Sicht der jammernden Angestellten, die sich durch ihre Arbeitgeber wie eine Zitrone ausgepresst f├╝hlen ÔÇô Tag und Nacht, sieben Tage die Woche. Das ist nachvollziehbar, denn dies ist ja auch die Masse der Leser. Es ist sicherlich richtig, dass die Arbeitswelt in den letzten Jahrzehnten deutlich an Geschwindigkeit zugenommen hat und f├╝r immer mehr Aufgaben weniger Zeit zur Verf├╝gung steht. Das hat auch etwas mit Industrialisierung, technischem Fortschritt und gestiegenen Anforderungen im internationalen Wettbewerb zu tun. Aber, sind wir doch mal ehrlich: Was w├Ąre anders, wenn Sie ihr gesch├Ąftliches Blackberry oder Smartphone abends um 20 Uhr aus- und morgens um 8 Uhr wieder einschalten w├╝rden? Was k├Ânnten Sie verpassen? Was h├Ątte nicht auch Zeit, um am n├Ąchsten Morgen erledigt zu werden? Hat der 24-Stunden-7-Tage-die-Woche- Erreichbarkeits-Wahn nicht vielleicht auch etwas damit zu tun, sich unentbehrlich und unersetzbar f├╝hlen zu wollen und sogar zur tiefsten Schlafenszeit auf der Suche nach Anerkennung noch die Welt retten zu wollen? Den Feierabend retten kann aus meiner Sicht nur jeder f├╝r sich selbst ÔÇô egal ob Arbeitnehmer oder Arbeitgeber. Beide Seiten sind selbst f├╝r ihr Handeln verantwortlich. Insofern ist es ein Appell an jeden, f├╝r sich zu entscheiden, was ihm in der Zeit au├čerhalb des B├╝ros wichtig ist. Wer immer erreichbar sein m├Âchte, weil es ihn vielleicht beruhigt, nichts zu verpassen, soll entsprechend handeln. Wem das Feierabend-Bier und Abschalten wichtig ist, sollte f├╝r sich passende Regeln und Strukturen schaffen, die dies erm├Âglichen.

 

4. Sehen Sie bestimmte Berufsgruppen als besonders gef├Ąhrdet f├╝r starken Stress?

Nein, denn wie aus den vorigen Antworten schon sichtbar wird, bin ich der ├ťberzeugung, dass jeder selbst f├╝r sein Leben und damit auch f├╝r seinen Stress verantwortlich ist. Das ist unabh├Ąngig von einem Beruf, einer Karriere-Stufe oder einer Branche. Ein Angestellter mit einem geregelten nine-to-five-Job im ├Âffentlichen Dienst kann sich genauso gestresst f├╝hlen wie ein Top-Manger. In der Au├čenwahrnehmung mag es sicherlich Berufe geben, die schnelle Reaktionszeiten oder auch k├Ârperliche H├Âchstleistungen erfordern. Denken Sie zum Beispiel an Piloten, Aktienh├Ąndler oder Fluglotsen. Auch Bauarbeiter auf 8-spurigen Autobahnen verdienen meinen h├Âchsten Respekt f├╝r ihre Arbeit. Ob diese Menschen Stress gef├Ąhrdet sind, liegt an ihnen. Wer sich f├╝r den Beruf des Aktienh├Ąndlers entscheidet, wird zu diesem Zeitpunkt wissen, was es bedeutet. Stress wird dies meist immer erst dann, wenn sich die eigenen Werte im Leben und Beruf ver├Ąndern. Ein Pilot, dem urspr├╝nglich vielleicht die Verantwortung f├╝r Menschen, die Technik oder das Reisen in ferne L├Ąnder wichtig war, der aber dann Vater wird und gerne regelm├Ą├čiger bei seiner Familie w├Ąre, wird wahrscheinlich mit der Zeit in seinem Beruf ungl├╝cklich werden und seine Arbeit als Stress empfinden.

 

5. Halten Sie es f├╝r m├Âglich, erfolgreich in der F├╝hrung eines Gro├čunternehmens zu sein und gleichzeitig Zeit f├╝r Hobbies und Familie zu haben?

Ja. Warum nicht? Es geht hierbei nicht um die andauernde und auch sehr wichtige Debatte um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Sicherlich haben Vorst├Ąnde oder Gesch├Ąftsf├╝hrer (m/w) nicht immer die M├Âglichkeit, regelm├Ą├čig bei ihrer Familie zu sein, wie es bei Angestellten in der Regel der Fall ist. Aber auch Manager k├Ânnen in einem gewissen Rahmen frei entscheiden ÔÇô und hier haben sie infolge ihrer Position oft mehr Freir├Ąume als Angestellte ÔÇô wie sie ihre Zeit einteilen. Wer Zeit f├╝r Hobbies und Familie haben m├Âchte, wird einen passenden Weg hierf├╝r finden.

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